Kommunikation und Beziehungen

Werte- und Entwicklungsquadrat: So geht gutes Feedback

Das Bild zeigt das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun, welches ein gutes Feedback-Tool ist. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Übst du gerne Kritik? Und bist du zufrieden mit deinen Kritik-Manövern? Seien wir mal ehrlich: Die wenigsten von uns kritisieren gerne und meistens gelingt uns das auch nur so mittelmäßig gut. Dementsprechend holprig wird es manchmal. Meister im Kritisieren sind wohl die wenigsten von uns. Wie es ein bisschen besser geht, das zeige ich mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat – ein Tool, das sich ganz hervorragend eignet, um differenziert und wertschätzend Kritik zu üben.

Erklärung: So funktioniert das Werte- und Entwicklungsquadrat

Kennengelernt habe ich das Werte- und Entwicklungsquadrat bereits vor vielen Jahren in einem Kommunikationsseminar. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie klasse ich die Idee dahinter fand, habe dieses Tool für mich aber nie angewandt. Denn zugegebenermaßen wirkt es zunächst ein wenig sperrig. In der Vorbereitung auf ein Assessment Center bin ich nochmal in meinen alten Unterlagen darüber gestolpert und konnte es zu meiner großen Freude auch direkt im Assessment Center anwenden.

Ich habe das Werte- und Entwicklungsquadrat des berühmten Kommunikationswissenschaftlers Friedemann Schulz von Thun genutzt. Die Idee dahinter ist Folgende: Zu jeder positiven Eigenschaft, auch Tugend genannt gibt es eine positive Schwestertugend, eine Übertreibung und eine Überkompensation.

Das Bild zeigt das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun am Beispiel der Sparsamkeit erklärt. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Beispiel: Sparsamkeit ist eine Tugend, Großzügigkeit ist die dazugehörige Schwestertugend. Geiz wäre die Übertreibung der Sparsamkeit und die Überkompensation dazu wäre die Verschwendung. Mit diesen vier miteinander verbundenen Eigenschaften lässt sich ein Quadrat bilden. Den Aufbau siehst du in der Abbildung.

Wie kannst du nun damit arbeiten?

Grundsätzlich ist das Werte- und Entwicklungsquadrat eine super Hilfestellung, um eigene Verhaltensmuster kritisch zu analysieren und um für dein Gegenüber eine konstruktive Kritik zu formulieren. Starten wir zunächst mit der Selbstreflektion.

Beispiel 1: Konstruktives Reflektieren eigener Schwächen

Jeder hat Stärken und damit einher gehen in der Regel auch Schwächen, die oftmals eine Übertreibung einer Stärke sind.  In meinem Blog-Willkommensartikel lasse ich ein wenig die Hosen runter und verrate dir, welche Aspekte das bei mir sind. Ich erkläre gleich das Werte- und Entwicklungsquadrat anhand der Eigenschaft Zuverlässigkeit. Das ist grundsätzlich eine Tugend, die ich oben links in das Quadrat eintrage.

Das Bild zeigt das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun am Beispiel der Zuverlässigkeit erklärt. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Von hier aus startet die kleine Analyse. Was ist eine positive Schwestertugend? Nicht immer liegt das sofort auf der Hand und es kann auch gleich mehrere Schwestertugenden geben. Im Falle der Zuverlässigkeit könnten das Beispielsweise Spontanität, Flexibilität, Wandlungsfähigkeit oder etwas ganz anderes sein. Das hängt sicherlich auch immer stark vom Kontext ab. Nun gilt es die jeweiligen Übertreibungen abzuleiten. Im Falle der Zuverlässigkeit wäre Pedanterie eine Übertreibung und im Falle von Spontanität völlige Planlosigkeit.

Nun hast du also vier unterschiedliche Eigenschaften notiert. Daraus kannst du für dich eine Erkenntnis ableiten im Sinne von: Ich bin ein zuverlässiger Mensch, muss aber aufpassen, nicht zu pedantisch zu werden. Deshalb achte ich gezielt darauf, auch mal etwas spontaner zu sein. Das soll aber auf keinen Fall heißen, dass ich zukünftig völlig planlos vorgehe.

So hilft dir das Werte- und Entwicklungsquadrat deine Stärken selbst kritisch zu reflektieren, um deinen potentiellen Schwächen auf die Schliche zu kommen. Für die besonders Selbstkritischen unter euch bietet es sich übrigens auch an, das ganze umgedreht zu machen und von einer Schwäche aus zu betrachten. So kannst du für dich gezielt ableiten, welche Stärke eigentlich dahintersteckt und an welcher Schwestertugend du dich mehr orientieren kannst.

Beispiel 2: Kritik für andere formulieren

In meinem Assessment Center sollte ich als Führungskraft einen Angestellten kritisieren. Die Herausforderung: Eigentlich hatte ich es mit einem richtig guten Mitarbeiter zu tun. Allerdings krallte er sich zahlreiche Projekte, um sich darüber zu profilieren und bootete dadurch diverse andere Kollegen aus. Wie bin ich in diesem Rollenspiel vorgegangen? Ich habe das Werte- und Entwicklungsquadrat als Vorbereitungs-Tool genutzt. Mein Ausgangspunkt war „leistungsorientiert“. Als Übertreibung habe ich „Ellenbogen-Mentalität“ gewählt. Die positive Schwestertugend habe ich als „teamorientiert“ notiert und die Überkompensation war dann „Selbstaufgabe“. Spätestens hier siehst du: Es geht gar nicht so sehr darum, eindeutige Adjektive zu definieren, sondern zum Kontext passende Aspekte. Die kannst du anschließend in dein Feedback packen.

Im Falle meines Rollenspiel-Partners lautete mein Feedback dann in etwa: „Ich schätze an dir, dass du ein so leistungsorientierter Mitarbeiter bist. Deine Arbeitsergebnisse sind immer von einer top Qualität. Allerdings besteht die Gefahr, dass das in einer Extremform als „Ellenbogen-Mentalität“ wahrgenommen wird, wenn du den anderen Kollegen nicht die Chance gibst, sich ebenfalls einzubringen. Mit Blick auf zukünftige Projekte empfehle ich dir daher, dass du gegenüber den Kollegen etwas teamorientierter auftrittst. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass du gar nicht mehr deine eigenen Projekte vorantreiben sollst.“ In der Abbildung kannst du sehen, in welcher Reihenfolge ich bei der Gesprächsführung vorgegangen bin. Insgesamt klingt das doch viel besser, als wenn ich einfach nur gesagt hätte „Reiß nicht alle Projekte sofort an dich!“, nicht wahr?

Was bringt das Werte- und Entwicklungsquadrat?

Das Werte- und Entwicklungsquadrat bietet einen großen Vorteil und den fasst Friedemann Schulz von Thun in einem Artikel wie folgt zusammen:

„Was ist mit einem solchen Wertequadrat gewonnen? Zum einen schärft es den Blick dafür, dass sich in dem beklagten Fehler nicht etwas „Schlechtes“ („Böses“, „Krankhaftes“) manifestieren muss, das es auszumerzen gelte. Vielmehr lässt sich darin immer ein positiver Kern entdecken, dessen Vorhandensein zu schätzen ist und allein dessen Überdosierung (des Guten zuviel) problematisch erscheint.“

Friedemann Schulz von Thun

Der Nutzen des Werte- und Entwicklungsquadrats

Alles in allem bietet das Werte- und Entwicklungsquadrat als Tool der Persönlichkeitsentwicklung folgende Vorteile:

  • Konstruktive Kritik: Kritische Rückmeldungen wertschätzend vermitteln
  • Mindset-Shift: Schwächen (egal ob eigene Schwächen oder die der anderen) bergen immer auch einen positiven Aspekt
  • Ausbalancieren von Eigenschaften: Es geht nicht darum, sich von einer Eigenschaft zu verabschieden, sondern verschiedene positive Schwestertugenden in einem ausgewogenen Verhältnis zu balancieren.
  • Wechsel der Blickrichtung: Motivation sich hin zu einer positiven Eigenschaft zu entwickeln, statt weg von einer vermeintlich nur negativen Eigenschaft

Ich habe für mich persönlich festgestellt, dass sich das Werte- und Entwicklungsquadrat für spontanes Feedback nicht eignet. Dazu ist es mir dann doch zu komplex und ich muss mir die Eigenschaften aufschreiben bzw. malen. Wenn ich aber im beruflichen oder im privaten Kontext gut vorbereitet eine konstruktiv-kritische Rückmeldung geben will, werde ich das Werte- und Entwicklungsquadrat sicherlich nochmal nutzen.

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