Kommunikation und Beziehungen

Verschwörungstheorien: Wie du sie entlarvst und warum auch in dir manchmal ein schwafelndes Männchen mit Alu-Hut sitzt

Das Bild zeigt einen Mann mit Alu-Hut als Symbolbild für einen Verschwörungstheoretiker. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Corona ist eine Erfindung von Bill Gates. Es wird bald eine neue Weltordnung geben. Und ach ja, was Bill Gates nicht schafft, das erledigen die 5G-Sendemasten. Schon klar. Heute geht es um Verschwörungstheorien im Allgemeinen und darum, wieso selbst informierte Menschen wie du und ich abstrusen Theorien aufsitzen können. Es mag vielleicht etwas Off-Topic erscheinen, aber im Artikel wirst du erfahren, wieso das mehr mit Achtsamkeit zu tun hat, als du denkst. Für Eilige gibt es am Ende des Artikels eine Zusammenfassung.

Verschwörungstheorie – was ist das eigentlich?

Als Verschwörungstheorie definiert der Duden die Annahme, dass eine verschwörerische Unternehmung Ausgangspunkt von etwas sei. Wer also glaubt, hinter Corona liegt nicht nur ein neuer Virus, sondern ein größerer Plan, der ist laut Definition schonmal Verschwörungstheoretiker. So simpel, so tragisch. Denn aktuell sind das ganz schön viele – allein in der Telegram-Gruppe von Attila Hildmann tummeln sich über 65.560 Mitglieder (Stand 27. Juni 2020).

Abstruse Botschaften, die früher nur vereinzelte Aluhut-Träger verbreitet haben, ziehen immer größere Kreise und finden immer mehr Anhänger. Mir scheint, Verschwörungstheorien sind so präsent wie noch nie zuvor. Dies bestätigt auch ein Beitrag des Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Darin steht:

„Je undurchschaubarer das Weltgeschehen und je stärker die gefühlte Bedrohung von außen ist, desto stärker sind Verschwörungstheorien in der Gesellschaft verbreitet.“

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Woran erkennt man Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien zeichnen sich zunächst dadurch aus, dass sie der offiziellen Version beziehungsweise Erklärung eines Geschehens widersprechen. Verschwörungstheorien liefern oft alternative Erklärungsansätze, die deutlich einfacher zu erfassen sind als die komplexe Realität. Dafür werden teilweise auch Zahlen und Fakten genutzt, allerdings oft in einem falschen Kontext. Der Fachbegriff dafür ist die Scheinkorrelation.

Empirie versus Verschwörungstheorie

Wissenschaftlicher untersuchen ihre Theorien, indem sie möglichst viele Daten erheben und statisch auswerten. Möchte man beispielsweise die Wirksamkeit eines Medikaments testen, verlässt man sich nicht auf den Optimismus der Pharmakologen oder das gute Bauchgefühl der Testpersonen. Nein, man testet das Medikament im Rahmen von klinischen Studien auf seine Wirksamkeit. Kann diese empirisch belegt werden, spricht man von evidenzbasierter Medizin.

Manchmal entdecken Wissenschaftler auch sogenannte Korrelationen, also einen statistischen Zusammenhang. So gibt es beispielsweise eine Korrelation zwischen Glück und Gesundheit. Statisch gesehen sind glückliche Menschen auch gesünder. Wichtig: Das ist eine Korrelation, also ein statischer Zusammenhang. Das bedeutet aber noch nicht, dass zwangsläufig eine Kausalität vorliegt. Nur weil man gesund ist, ist man nicht zwangsläufig glücklich.

Verschwörungstheorien und Scheinkorrelationen

Es gibt Korrelationen, die sind eher zufälliger Natur und werden somit auch als Scheinkorrelation bezeichnet. Ein viel zitiertes Beispiel in diesem Kontext ist der Zusammenhang der menschlichen Geburtenrate und der Anzahl an Störchen im ländlichen Raum. Der Zusammenhang ist folgender: Es nisten mehr Störche auf dem Land und dort werden ebenfalls mehr Babys geboren. Ein Wissenschaftler würde das genauso formulieren und allenfalls noch ergänzen, dass Störche nun mal auf dem Land ihren natürlichen Lebensraum haben und sich mehr Paare auf dem Land als in der Stadt dafür entscheiden, Kinder zu bekommen.

Ein Verschwörungstheoretiker würde sich dieser Fakten bedienen, sie verkürzen und kausal auslegen: Weil auf dem Land mehr Störche leben, gibt es dort mehr Babys. Ergo: Babys werden von Störchen gebracht.

Verschwörungstheoretiker von der Irrsinnigkeit ihrer Positionen zu überzeugen, ist enorm schwer. Denn oftmals sind grundlegende Annahmen nicht verkehrt, wie in diesem Beispiel die Tatsache, dass es mehr Störche und mehr Babys auf dem Land gibt. Allerdings lassen Verschwörungstheoretiker wesentliche Aspekte unter den Tisch fallen, interpretieren sie um und schaffen eine Theorie, die mit der Realität dann wenig zu tun hat.

Bestätigungsverzerrung als Teufelskreis der Verschwörungstheorie

Und wenn das noch nicht genug wäre, tut das Gehirn dann noch das seinige dazu, sodass ein Verschwörungstheoretiker unnachgiebig an seiner Position festhält. Schuld ist die sogenannte Bestätigungsverzerrung (engl. „confirmation bias“). Dieses Phänomen der Kognitionspsychologie bedeutet, dass wir uns bewusst bestätigenden Informationen zuwenden und widersprechende Informationen meiden. Außerdem werten wir bestätigende Informationen als valider ein und erinnern uns besser daran. Oder in einem zugegebenermaßen etwas plumpen Beispiel ausgedrückt: Ein Kreationist wird niemals zum Evolutionsbiologen, weil er statt der Bio-Bücher nunmal lieber die Bibel liest und seinem kreationistischem Pfarrer lauscht.

So fasst auch die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg das Phänomen im Kontext von Verschwörungstheoretikern zusammen:

„Man kann Verschwörungstheoretiker mit Fakten konfrontieren, was man auch als „Debunking“ bezeichnet. Wer dies versucht, erreicht aber oft das Gegenteil vom erwünschten Effekt. (…) Widersprüchliche Informationen führen zu Ungereimtheiten im vertretenen Weltbild, was wiederum zu einem emotionalen Unwohlsein führt. Anstatt das neue Wissen aufzunehmen und das Weltbild zu modifizieren, werden die Fakten stattdessenn abgelehnt und die eigene Weltanschauung transferiert.“

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Und was hat das mit Achtsamkeit zu tun?

Ganz schön viel, denn manchmal sitzt in uns selbst auch so ein kleiner vorlauter Verschwörungstheoretiker. Ruby Wax fasst das sehr treffend in einem Satz zusammen: „Gedanken sind keine Fakten, also nimm sie nicht zu ernst.“ Viel zu oft tun wir aber genau dies. Ich bin eine Meisterin der Interpretationskunst. Was mir im Deutschunterricht schon leicht fiel, setzt sich leider manchmal im Privatleben fort.

Wenn deine Gedanken dir Verschwörungstheorien erzählen

Der Psychotherapeut Andreas Knuf beschreibt in seinem Buch* „Ruhe da oben“ ein sehr einfaches Beispiel für die Interpretationsgeschwindigkeit unseres Geistes: Stell dir vor, du bist mit einem guten Freund seit langer Zeit nochmal zum Kino verabredet. Vorfreudig wartest du bereits mit den Tickets in der Tasche auf ihn. Und du wartest und wartest und wartest. Das anfängliche neutrale Warten wandelt sich in einen zunehmend wütenden inneren Dialog, der darin endet, dass du deinem Freund nicht nur unterstellst, unzuverlässig zu sein, sondern auch der Freundschaft weniger Wert beizumessen als du. Warum sonst sollte er sich dermaßen verspäten und nicht mal den Anstand zeigen, dir Bescheid zu geben? Nun ja, weil in dem Beispiel von Andreas Knuf der Freund schlichtweg einen Fahrradunfall hatte, dabei auf sein Handy gefallen ist und nur noch schieben konnte.

In diesem Fall wird einem selbstverständlich schlagartig bewusst, wie sehr man sich mit seinen Gedanken verrannt hat, denn die Aufklärung steht leicht zitternd mit verbogenem Reifen vor einem. Aber nicht immer ist das der Fall und wir haften Gedanken an wie „X hat bestimmt nur Y getan / unterlassen / gesagt, um Z zu bewirken.“ Dabei ist das nur ein Gedanke und eine Möglichkeit von vielen – aber noch lange nicht zwangsläufig die Realität. Andreas Knuf sagt dazu:

„Unser Geist ist ein Geschichtenerzähler. Er kann nicht einfach einen äußeren Reiz wahrnehmen, sondern muss ihn zunächst bewerten und einordnen, danach macht er dann oft auch noch eine Geschichte daraus, mit dem eigentlichen Ereignis gar nichts mehr zu tun hat.(…) Gerade wenn es uns nicht gut geht oder wir sogar in der Krise sind, erzählt unser Geist gerne Geschichten, denen wir dann bedingungslos glauben.“

Andreas Knuf

Erkennst du die Parallele zu den Verschwörungstheoretikern?

Was hilft gegen den inneren Verschwörungstheoretiker?

Es hilft überhaupt schonmal, sich darüber bewusst zu werden, dass unser Geist uns permanent Geschichten erzählt, die er sich selbst ausgedacht hat und die voller Interpretationen sind. Vielleicht hilft es dir zusätzlich, wenn du dir deinen Geist als schrägen Alu-Hut-Träger vorstellst, der gerade was von bösen Mächten und offensichtlichen Zusammenhängen schwafelt. Und dann stellst du ihm einen inneren Wissenschaftler gegenüber, der fragt: „Was sind die Fakten? Ist das nur eine Theorie oder gibt es klare Belege? Liegt bei den Fakten eine Korrelation vor oder gehe ich möglicherweise einer Scheinkorrelation auf den Leim?“

Oder du hältst dich an Byron Katies Rat und fragst dich einfach nur kurz und knackig:

„Kann ich wirklich wissen, dass es wahr ist?“

Byron Katie

Kannst du darauf nicht zweifelsohne „Ja“ antworten oder ertappst dich dabei, dass du zwanghaft nach einer Bestätigung deiner Theorie suchst (Stichwort: Bestätigungsverzerrung), sollte dir das ein Warnsignal sein. Verabschiede dann deinen inneren Alu-Hut-Träger in den Feierabend und atme tief durch: Denn anders als bei echten Verschwörungstheorien lässt sich die innere Schwafelei leicht mit den richtigen Fragen auflösen.

Fazit:

Verschwörungstheoretiker nutzen entweder gar keine Fakten oder verkaufen Scheinkorrelationen als absolute Wahrheiten. Sie haften ihren Thesen an, richten ihren Fokus nur auf Bestätigungen ihrer Thesen und lassen sich aufgrund dieser Bestätigungsverzerrung nicht vom Gegenteil überzeugen. Auch unser Geist ist ein Geschichtenerzähler, der es nicht immer so mit den Fakten hat. Insbesondere, wenn es darum geht, das Verhalten und die Intentionen von anderen zu beurteilen, ist große Vorsicht angesagt. Es hilft, sich vor Augen zu führen, dass Gedanken nur Gedanken sind und nicht die Wahrheit. Dabei hilft auch die folgende Frage: Kann ich wirklich wissen, dass es wahr ist?“

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