Mindset und Selbstvertrauen

Schluss mit Präsentismus! Warum du mehr auf dich acht geben solltest, wenn du krank bist

Wenn du statt zu genesen lieber zur Arbeit gehst, hast du ein Problem und das heißt Präsentismus. Das Bild zeigt eine visualisierte kranke Person. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Jetzt beginnt sie wieder die nervige Erkältungszeit. Und ich muss gestehen: Ich war und bin leider noch viel zu oft ein Anti-Vorbild in Bezug aufs Kranksein. Wenn die Nase läuft, sich der Kopf schwer anfühlt und ich am laufenden Band Tee trinke, um meinen kratzenden Hals zu besänftigen, gehe ich allzu oft dennoch arbeiten. Ich fahre zwar nicht mehr mit dem Fahrrad, denn mein Körper signalisiert mir, dass dies zu anstrengend für mich wäre. Aber ich nehme den Bus und kämpfe mich durch den Tag. Warum? Weil ich denke, dass ein bisschen Schnupfen, Kopfschmerzen oder Bauchweh noch lange kein Grund sind, Zuhause einen faulen Lenz zu machen. Und außerdem habe ich die irrige Annahme, meine Kollegen oder mein Chef könnten denken, ich mache blau. Dieser Humbug hat einen Namen: Präsentismus.

Präsentismus oder: Besser krank zur Arbeit, als genesend Zuhause

Wenn du statt zu genesen lieber zur Arbeit gehst, hast du ein Problem und das heißt Präsentismus. Für diesen Begriff gibt es verschiedene Definitionen, aber meistens spricht man damit vom „beobachtbaren Verhalten von Mitarbeitern, trotz Krankheit, die ein Fehlen legitimiert hätte, zur Arbeit zu gehen.“ (Quelle).

Gehörst du auch zu den „Präsentisten“? Wenn ja, ist das nicht nur problematisch, weil du nun mal krank bist, sondern zudem auch möglicherweise ansteckend. Und das ist besonders fatal: Du kommst als Virenschleuder in dein Büro und damit in ziemlich schlechte Bedingungen (bzw. für die Viren ziemlich gute Bedingungen): Trockene Heizungsluft, viele gemeinsame Berührungspunkte wie Türklinken, Wasserkocher etc. und möglicherweise ohnehin schon angeschlagene Kollegen im Raum, denen du mit deinen Viren den Rest gibst. Ganz schön mies, oder?

Dabei nehme ich mich selbst überhaupt nicht achtlos wahr, wenn ich trotz Krankheit Präsenz zeige. Ganz im Gegenteil: Mein Körper mag zwar nicht in Topform sein, aber mein Geist ist ja nicht eingeschränkt. Für’s Büro reicht es doch noch gerade so. Ich halte es für unfair, wenn ich eingemummelt Zuhause im Bett liege und meine Kollegen neben ihrer eigenen Arbeit auch noch meine stemmen müssen.

So wie ich denken viele. Und natürlich weiß ich, dass meine Argumentation durchaus Lücken aufweist. Wie groß die Lücken sind, zeigen sogar verschiedene Studien (Summary der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin).

Wie du dir durch Präsentismus schadest

Wer trotz Krankheit zur Arbeit geht, hat langfristig ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die sogenannten Präsentisten neigen außerdem zu mehr Langzeit-Arbeitsunfähigkeiten. Der Schuss kann also ziemlich nach hinten losgehen: Statt einmal kurz zu fehlen, fehlst du dann im schlimmsten Fall richtig lange. Krankheitstechnisch gesehen kann die übermütige Arbeitsmoral also aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Wie du anderen durch Präsentismus schadest

Die Studien zeigen darüber hinaus: Präsentismus kostet. Und zwar nicht nur dauerhafte Einbußen deiner eigenen Gesundheit, sondern auch der Arbeitsproduktivität. Oder anders ausgedrückt: Du verursachst unterm Strich mehr Kosten, wenn du dich zur Arbeit schleppst, als wenn du dich ein paar Tage lang Zuhause von deiner Krankheit erholst. Dafür verantwortlich ist eine Summe verschiedener Faktoren: Du steckst möglicherweise deine Kollegen an, du machst mehr Fehler, du kannst dich nicht konzentrieren und musst später deine Arbeit wiederholen, du wirst dauerhaft krank und so weiter.

Zeig mehr Fürsorge und Dankbarkeit für deinen Körper. Du brauchst ihn!

Was würdest du tun, wenn du einen Herzinfarkt gehabt hättest? In diesem Fall würdest du sicherlich den ärztlichen Anweisungen folgen, dich schonen oder in einer Reha wieder zu Kräften kommen. Du würdest deinem Körper viel Aufmerksamkeit schenken und alles geben, um nicht wieder in so eine bedrohliche Situation zu kommen, oder?

Warum solltest du deinem Körper weniger Rücksichtnahme und Fürsorge schenken, wenn es um eine Erkältung oder etwas ähnlich Alltäglichem geht? Vergiss nicht: Dein Körper ist ein kleines anatomisches Wunderwerk, das dir hilft, das Leben zu führen, das du führst. Wenn du krank zur Arbeit gehst, entziehst du deinem Körper nur noch mehr Kräfte. Verdient hätte dein Körper aber eine kleine Pause, um schnell wieder fit zu werden.

Kultur der Achtsamkeit statt der Anwesenheit

In unserer Hochleistungsgesellschaft ist es nicht immer leicht, Schwäche einzugestehen. Und irrigerweise nehmen viele (Schande über mein Haupt: auch ich) die eigene Krankheit mitunter als Schwäche war.

Nur das Groteske ist: Ich erlebe überhaupt keinen Druck von außen. Weder meine Kollegen noch mein Chef suggerieren mir, dass ich mich nicht so anstellen und lieber zur Arbeit kommen soll. Im Gegenteil: Mein Chef ermutigt mich, mir wirklich die Zeit zu nehmen, die ich brauche. Er fragt kritisch nach, wenn ich offensichtlich angeschlagen auf der Arbeit bin und hat mir schon ein paar mal geraten, dass ich mich doch erstmal vollständig auskurieren soll. Nichts anderes würde ich zu meinen Kollegen oder zu meinem Chef sagen. Wieso nur fällt es uns so viel leichter, anderen gegenüber fürsorglich zu sein als uns selbst gegenüber?

Tue dir und anderen den Gefallen und höre auf deinen Körper

Überlege mal: Wie reagierst du, wenn eine sympathische Kollegin krank zur Arbeit kommt? Du würdest ihr sicherlich gut zureden, dass sie sich ausreichend kurieren soll, nicht wahr? Wie wäre es, wenn du dir von der Fürsorge anderen gegenüber eine Scheibe für dich abschneidest? Gehe achtsam und liebevoll mit deinem Körper und deiner Gesundheit um.

Wie immer im Leben geht es um die Balance: Natürlich muss ich nicht mit einer laufenden Nase und ein wenig Halskratzen Bettruhe halten. Aber ich sollte stets auf die Signale meines Körpers achten und sie richtig einordnen. Halskratzen? Kein Problem, ab zur Arbeit. Dank Kopf- und Gliederschmerzen so angeschlagen und erschöpft, dass ich nicht mehr aufs Rad steigen will? Sehr wohl ein Problem, ab ins Bett!

Wann immer es dir genauso geht: Schick den Präsentismus in die Wüste und dich in die eigenen vier Wände zum Erholen.

Kennst du jemanden, der auch immer wieder Krankheitssymptome ignoriert und sich nicht angemessen schont? Dann helfe ihr oder ihm doch ein wenig auf die Sprünge und leite diesen Artikel weiter. Vielleicht ist dies ja eine gute Anregung zu mehr Ruhe.

Komme gut durch die Erkältungszeit und alles Gute!

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