Achtsamkeit und Balance

Wie du mit Hilfe des Triage-Systems aus dem „crazy busy“-Modus rauskommst

Das Bild zeigt das Triage-System aus Notaufnahmen, was sich ebenso auf alltägliche Stresssituationen anwenden lässt wie Dr. Darria Long in ihrem TED-Talk erklärt. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Wer kennt es nicht? Morgens auf der Arbeit: Der Kalender ist vollgepackt mit Terminen, das Telefon klingelt am laufenden Band, die Deadline für eine wichtige Aufgabe ist fast schon überschritten und dann klopft ein Kollege mit einem echt kritischen Problem an der Tür. Die Gedanken fangen an zu rasen, irgendwie ackert man sich im Autopilotenmodus von einem Chaos zum nächsten und abends berichtet man völlig erschöpft seinem Partner „Mein Tag war wahnsinnig stressig“.

Das muss nicht sein, behauptet die amerikanische Notaufnahmeärztin Dr. Darria Long. In ihrem TED-Talk erklärt sie, wie wir uns das Triage-System der Notaufnahmen zunutze machen können, um aus dem „crazy busy“-Modus rauszukommen und angesichts von Stress bessere Entscheidungen zu treffen.

Das Triage-System wird in der Notaufnahme genutzt, um zu priorisieren, welche Patienten wie schnell welche medizinische Hilfeleistung erhalten. Dr. Long nennt in ihrem Vortrag vier Kategorien:

  • Rot= unmittelbar lebensbedrohlich
  • Gelb = dringend, aber nicht unmittelbar lebensbedrohlich
  • Grün = nebensächlich
  • Schwarz = Patienten, für die die Ärzte nichts mehr tun können

Schritt 1: Selektiere Wichtiges von Unwichtigem


Wenn wir förmlich überrollt werden von Problemen und Aufgaben, empfiehlt sie zunächst anhand dieses Triage-Systems das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Wenn wir im „crazy busy“-Modus sind, erscheint uns oft alles wie eine rote Herausforderung. Das erzeugt jedoch noch mehr Stress als ohnehin schon, denn wir können uns schlichtweg nicht um alles gleichzeitig gleich gut kümmern. Da gilt es genau hinzuschauen. „Man lässt sich leicht von Lärm verwirren, aber das Lauteste ist nicht immer das Roteste“, weiß Dr. Long.

Rot könnte beispielsweise die nicht schiebbare Deadline sein. Gelb das Problem des Kollegen, grün die zahlreichen Verteiler-Mails mit Infos, die man mal zur Kenntnis genommen haben sollte. Und schwarz? Tja, schwarz sind Aufgaben, von denen man sich gänzlich lösen muss, auch wenn es schwer fällt. Vielleicht ist das die Teilnahme an einer Projektgruppe, der du derzeit nicht gerecht werden kannst. Oder du hast zugesichert einen Kuchen zur Betriebsfeier zu backen, was dir aber aufgrund eines kranken Kindes gerade nicht möglich ist. Überlege dir genau, welche Dringlichkeit welche Herausforderung hat und dann selektiere entsprechend des Triage-Systems.

Schritt 2: Erwarte und gestalte den Stress

Diese drei Unterschiede gibt es laut Dr. Darria Long zwischen dem "crazy busy"-Modus und dem Bereitschaftmodus. Mit letzterem kannst du Stress sehr viel besser begegnen. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Wenn wir im „crazy busy“-Modus sind, reagieren wir wie blind. Das hindert uns aber meist daran, die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. In der Notaufnahme hingegen ist alles darauf gerichtet, kleine wie große Katastrophen zu erwarten. Durch eine bestmögliche Vorbereitung, z. B. weil alle Utensilien immer am selben Platz liegen und griffbereit sind, ist man sofort einsatzbereit. Übertragen auf den Alltag empfiehlt Dr. Long:

  • Planen, z. B. den Wochen-Speiseplan, um sich im Alltag nicht mit Entscheidungen stressen zu müssen. Beispiel: Was koche ich heute?
  • Automatisieren, z. B. wiederkehrende Listen und Einkäufe
  • Bündeln, z. B. Zubehör für eine Aktivität an einem Ort lagern und alles stets aufgeladen und einsaztbereit halten
  • Versuchungen reduzieren, z. B. Süßigkeiten an schwerer zugänglichen Stellen lagern

Wer diese 4 Tipps beherzigt, hat mehr geistigen Freiraum für die wirklich wesentlichen Entscheidungen.

Schritt 3: Durchbreche den Teufelskreis deiner Gedanken


Wann beginnt der Stress wirklich? Dr. Long ist sich sicher, dass die Wahrnehmung von Stress, Angst oder Unruhe erst einmal nicht das Problem ist, sondern erst die Tatsache, dass wir uns von diesen Gefühlen und den damit einhergehenden Gedanken einnehmen lassen. Deshalb müssen wir den Teufelskreis unserer Gedanken durchbrechen, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn Dr. Long einen kritischen Patienten hat, richtet sie den Fokus weg von sich und ihrer Nervosität hin zum Patienten: Was braucht er? Wovor hat er Angst? Was kann ich für ihn tun? So wird Raum geschaffen für das, was es in dem Moment zu tun gibt.

Fragen, die dir bei der Triage gegen Stress helfen

Auch Bob Priest-Heck, CEO beim Unternehmen Freeman, hat in einem Artikel das Triage-System beworben, um bei Stress gute Entscheidungen zu treffen. Er empfiehlt aufkommende Probleme und Anfragen mit folgenden Fragen zu priorisieren:

  • Wird eine dringende Entscheidung besser, wenn ihr mehr Zeit eingeräumt wird? Manchmal erscheinen neue und bessere Lösungsansätze, wenn wir uns etwas Zeit nehmen und nicht mit der erstbesten Option gehen.
  • Geht es darum, Punkte von einer Liste abzuhaken oder eine Mission voranzubringen? Dazu schreibt Priest-Heck „Doers do checklists. Leaders work toward big-picture milestones.” Auch wenn es nur um dein Privatleben geht, kann dir die Unterscheidung helfen, ob eine Aufgabe ein notwendiges Übel ist oder deren Umsetzung dich deinen Lebenszielen näher bringt.
  • Bin ich vorsichtig oder vermeide ich es nur, eine Entscheidung zu treffen? Manchmal nehmen wir uns auch zu viel Zeit, um uns vor einer Entscheidung zu drücken. Wenn du feststellst, dass du dir selbst Dinge sagst, wie „Vielleicht löst sich das Problem ja von selbst auf“ oder „Mal abwarten, was noch passiert“, sind das starke Indikatoren für Zeitschinderei.
  • Habe ich alle Informationen, die ich brauche? Die Antwort lautet stets Nein, auch in der Notaufnahme haben Ärzte nie alle Informationen. Es geht also nicht darum, alle Informationen zu haben, sondern alle relevanten Informationen. Priest-Heck empfiehlt außerdem geistig offen und flexibel zu bleiben, um bestmöglich neue und vielleicht auch widersprüchliche Informationen zu verarbeiten.
  • Hat die Person, die mich zu einer Entscheidung drängt, eine eigene Agenda? Priest-Heck empfiehlt kurz innezuhalten und sich zu fragen, warum diese Person zu diesem Zeitpunkt nun eine schnelle Handlung oder Entscheidung will. Wer die Motive des anderen kennt, kann mit mehr Klarheit die tatsächliche Priorität beurteilen und durch den gemeinsamen Austausch auch ganz neue Lösungsideen entwickeln.
Die drei Grundsätze von Dr. Darria Long für die Nutzung des Triage-Systems gegen Stress. Visualisiert von www.achtsam-engagiert.de

Fazit: Sowohl die Notaufnahmeärztin Dr. Long als auch der CEO Priest-Heck empfehlen angesichts von Wahnsinnsstress einen Schritt zurückzutreten, die Situation unter Einbezug aller relevanten Informationen neutral zu beurteilen und Aufgaben zu priorisieren und sich nicht vom eigenen Gedankenkarussell oder den Druck von anderen treiben zu lassen. Was beim Retten von Menschenleben in der Notaufnahme klappt, sollte doch erst recht bei unseren alltäglichen Herausforderungen klappen, oder? Dadurch wird es zwar nicht weniger stressig, aber immerhin werden wir nicht mehr „wahnsinnig“ dabei. Ein lohnenswertes Ziel, oder?

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