Kommunikation und Beziehungen

Wie uns achtsames und aktives Zuhören gelingt

Das Bild zeigt zwei stilisierte Männchen, die eine Unterhaltung führen. Der reine redet, der andere hört einfach nur mit voller Aufmerksamkeit zu. Genau darum geht es beim achtsamen und aktiven Zuhören. Visualisert von www.achtsam-engagiert.de

Ich mag keinen Senf, verteile ihn aber ganz gern mal. Wenn mir jemand von einem Problem, einer Idee oder einer aktuellen Fragestellung berichtet, juckt es mich förmlich im Kehlkopf, weil sich innerhalb kürzester Zeit ein Schwall an Worten angesammelt hat, der raus will. Kurzum: Ich will meinen Senf dazu abgeben. Und auch wenn ich netterweise durchaus postives Feedback für meine Ideen, Ratschläge, Antworten bekomme, ist es in manchen Situationen angemessener, das Gegenüber erstmal weiter in Ruhe reden zu lassen: Aktives und achtsames Zuhören nennt sich das und hier kommen ein paar Tipps, wie uns das besser gelingen kann.

Die Aufregung, bevor es auf die (Gesprächs-)Bühne geht

Stell dir folgendes Szenario vor: Eine Arbeitskollegin berichtet dir morgens von ihrem Feierabend. Sie war beim Yoga und hat es endlich geschafft, eine schwierige Position zu meistern. Das erinnert dich daran, wie schwer du dich ebenfalls mit dieser Position getan hast. Was ist passiert? Du bist in Gedanken nicht mehr bei ihr, sondern bei deinem Erfolgserlebnis und natürlich teilst du ihr das sofort mit.

Dadurch geht es nun allerdings nicht mehr um sie, sondern um dich. Du hast sie mit einem charmanten Schubser von der Gesprächsbühne gekickt und dich selbst ins Rampenlicht gestellt. In den meisten Gesprächen ist das allenfalls unhöflich, aber kein Problem. Oft fällt uns selbst so ein Bühnenschubser gar nicht auf und wenn überhaupt fühlen wir uns nur ein wenig übergangen, weil wir gern noch mehr dazu gesagt hätten.

Was achtsames Zuhören nicht ist

Und genau darin liegt der Knackpunkt: Was wäre, wenn es noch mehr hinter der Geschichte deiner Arbeitskollegin gäbe? Sie hat sich vielleicht deshalb so schwer getan mit der Position, weil sie lange Zeit eine Verletzung hatte und nun umso glücklicher ist, dass sie diese endlich hinter sich lassen konnte. Je früher wir einem Menschen in seiner Erzählung ins Wort fallen und die Bühne für uns einnehmen, desto eher berauben wir ihn der Möglichkeit, seine Geschichte in Ruhe und vollständig zu erzählen. Dadurch wiederum verlieren auch wir eine Möglichkeit – nämlich die auf mehr Austausch, Nähe, Verbundenheit und Verständnis.

Und seien wir mal ganz ehrlich: Wir alle legen doch ziemlich häufig schon unsere Worte zurecht, während der andere noch spricht, nicht wahr? Ich ertappe mich dabei sehr häufig und jedes Mal, wenn es mir auffällt, fühle ich mich ein bisschen schlecht und selbstbezogen – was ich in dem Moment dann nun mal einfach auch bin.

Vielen widerum fällt es gar nicht auf, wie sie sich verhalten. Womöglich denken sie sogar, dass sie besonders achtsam und aktiv zuhören, wenn sie direkt reagieren. Aber das ist ein Trugschluss. Achtsames und aktives Zuhören geht anders und zwar so:

Schritt 1: Achtsames Zuhören

Der Duden nennt als Synonyme für Achtsamkeit unter anderem: Aufmerksamkeit, Interesse und Konzentration. Und genau das schenken wir unserem Gegenüber, wenn wir achtsam zuhören. Konkret bedeutet achtsames Zuhören:

  • Du bist im Hier und Jetzt und nicht in Gedanken woanders. Dir wird dein Geist immer wieder dazwischenplappern. Das ist normal. Bleibe nicht daran hängen, sondern führe deine Konzentration immer wieder zurück auf die Worte deines Gegenübers.
  • Du hast echtes Interesse und bist aufnahmebereit. Lass dich bewusst darauf ein, dass dies nicht dein Bühnenauftritt ist, sondern der deines Gegenübers.
  • Du versuchst dein Gegenüber zu verstehen – auch dann, wenn es vielleicht eine andere Sichtweise hat.
  • Du versuchst auch zwischen den Zeilen zu hören. Manchmal versucht uns jemand etwas zu vermitteln, für das er nicht die Worte finden kann oder will.
  • Das gehst nicht direkt in die Bewertung, von dem, was du hörst. Du musst nicht sofort reagieren und deine Meinung kundtun – auch nicht, wenn es eine Zustimmung ist.
  • Du lässt dein Gegenüber ausreden. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – zumindest wird es für dein Gegenüber sicherlich goldwert sein, wenn es das Gefühl hat, dass jemand mal ganz Ohr ist.

Wenn wir diese Punkte beherzigen, sind wir einem guten Gespräch schon sehr viel näher. Dann gibt es zwei Gesprächsteilnehmer, die eine echte Interaktion führen und miteinander reden. Tun wir das nicht, sind wir hingegen allzu oft zwei Individuen, die jeweils auf ihren Bühnenauftritt für ihre eigene Geschichte warten und nebeneinander herreden, anstatt wirklich miteinander.

Am besten überzeugt man andere mit den Ohren – indem man ihnen zuhört.

Dean Rusk

Schritt 2: Aktives Zuhören

Achtsames Zuhören ist quasi das Fundament vom aktiven Zuhören. Erst wenn uns die oben genannten Punkte gelungen sind, können wir mit aktivem Zuhören gut darauf aufbauen. Und, Trommelwirbel: Jetzt darfst du auch das Wort ergreifen und zwar so:

  • Nachfragen: Stell Rückfragen, ob du alles richtig verstanden hast. Du kennst bestimmt das Sprichwort: „Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden.“
  • Paraphrasieren: Fasse in wenigen Worten zusammen, was dein Gegenüber gesagt hat. Auch hier greift das Sprichwort von oben. Durch deine Zusammenfassung drückst du drei Dinge aus: Erstens signalisiert du deinem Gegenüber, dass du wirklich zugehört hast. Zweitens zeigst du, ob du die Infos zwischen den Zeilen wahrgenommen hast. Drittens erhält dein Gegenüber die Chance, Inhalte zu schärfen oder zu korrigieren, wenn sie anders bei dir angekommen sind, als sie gemeint waren.
  • Verbalisieren: Spiegel die Gefühle deines Gegenübers, z. B. „Dass du wieder vollkommen mobil bist, ist bestimmt eine große Erleichterung für dich.“. Dadurch bringst du Mitgefühl zum Ausdruck. Ebenso kannst du deine eigenen Gefühle zum Ausdruck bringen („Das freut mich wirklich sehr für dich.“)

Erst danach und bestenfalls nur, wenn dein Gegenüber ganz eindeutig den Eindruck erweckt oder sagt, es würde sich dies wünschen, kannst du einen Ratschlag erteilen, die Situation bewerten oder anderweitig eine aktivere Position einnehmen. Ganz oft ist dies aber weder erforderlich noch erwünscht: Oft ist uns bereits genug geholfen, wenn wir die Gelegenheit erhalten, uns einfach mal etwas von der Seele reden zu können.

Im Bewusstsein des Leides,
das durch unachtsame Rede und durch die Unfähigkeit,
anderen zuzuhören, entsteht, gelobe ich, liebevolles Sprechen und aufmerksames, mitfühlendes Zuhören zu entwickeln,
um meinen Mitmenschen Freude und Glück zu bereiten und ihre Sorgen lindern zu helfen.

Thich nhat hanh

Achtsames und aktives Zuhören bedeutet nicht Passivität

Selbstverständlich kannst du, nachdem du diese Schritte durchgegangen bist, auch deine eigene Yoga-Erfahrung zum Besten geben. Du musst nicht per se in einer passiven Zuhörerhaltung verbringen. Der Unterschied zum anfangs beschriebenen Szenario ist dann jedoch folgender:

Die Vorteile des achtsamen und aktiven Zuhörens

  • Du hast dich viel wertschätzender verhalten. Das Gespräch und das Miteinander ist besser.
  • Die Beweggründe und Gefühle deines Gegenübers wurden deutlicher. Im besten Fall habt ihr so mehr Nähe und Tiefgang erzeugt.
  • Du konntest klären, ob du alles richtig verstanden hast. Missverständnisse sind unwahrscheinlicher.

Ehrlich gesagt, ertappe auch ich mich immer mal wieder dabei, wie ich diese Tipps nicht ganz beherzige. Wie ich in meinem „Über mich“-Artikel schreibe, dient der Blog für mich ebenfalls dem Lernen und Verinnerlichen. Aus diesem Grund habe ich diese Tipps nun nochmal für mich (und natürlich dich 🙂 ) aufgeschrieben. Es hilft einfach sehr, sich immer wieder bewusst zu machen, dass man in einem Gespräch einfach mal einen Schritt zurücktreten kann, anstatt wie sonst nach vorne zu preschen. Vielleicht gelingt es dir und mir nicht jedes Mal, aber bestimmt werden wir mit der Zeit besser. Lass es uns versuchen.

Plappert dir auch immer jemand ins Wort? Dann leite diesen Artikel doch gern als dezenten Wink mit dem Zaunpfahl an ihn oder sie weiter 😉

Beurteile einen Menschen nach seinen Fragen, nicht nach seinen Antworten.

Pierre-Marc-Gaston

2 Gedanken zu „Wie uns achtsames und aktives Zuhören gelingt“

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